Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. Moses vor dem Pharao

11. Ruth die moabitische Frau und Ahnfrau Davids

12. David gegen Goliath

13. David und die Frau des Hethiters

14. Esthers Rettung der Juden

15.  Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas 

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

 

Kapitel 3. Sündenfall

 

 

Gliederung:

 

1. Der Text

2. Deutung

3. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse

4. Die Erbsünde

5. Beschränkung des Paradieses auf zwei Menschen.

 

 

1. Der Text

 

1 ‚Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? 

2  Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; 

3  nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.

4  Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben.

5  Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.

6  Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.

7  Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.

8  Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens.

9  Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du?

10  Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.

11  Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?

12  Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen.

13  Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.

14  Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.

15  Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.

16  Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.

17  Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.

18  Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen.

19  Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.

20  Adam nannte seine Frau Eva (Leben), denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.

21  Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit.

22  Dann sprach Gott, der Herr: Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!

23  Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten von Eden weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war.

24  Er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens von Eden die Kerubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.  (Gen 3,1-24)

 

 

2. Deutung

 

Wir hatten im vorhergehenden Kapitel gesehen, dass Gott dem ersten Menschen den Auftrag erteilt hat, den Garten Eden zu bebauen und zu hüten. Und er hat Adam gegenüber nur ein einziges Verbot ausgesprochen, nämlich vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nichts zu essen und dass Adam für den Fall, dass er trotzdem von dieser Frucht esse, sterben müsse.

 

Die an den zweiten Schöpfungsbericht anschließende Geschichte erzählt uns, dass sich die ersten Menschen an dieses Verbot nicht gehalten haben. Wie kam es aber dazu, dass Adam und Eva trotz Verbotes von der Frucht dieses Baumes gegessen und somit das einzige ihnen auferlegte Verbot übertreten hatten?

 

Die Geschichte erzählt uns von der Schlange, welche Eva in Versuchung führte. Die Schlange, welche als listiges Tier gilt, begann ihre Unterhaltung mit Eva mit der Frage, Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Wohlbemerkt: Sie bezieht sich nicht auf das Verbot, lediglich vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nicht zu essen, sondern leitet ihr Gespräch damit ein, dass sie Eva suggeriert, Gott habe das Essen der Früchte aller im Paradies stehender Bäume verboten. Damit scheint das von Gott erteilte Verbot natürlich sehr viel gravierender und einschränkender als wenn die ersten Menschen von allen Bäumen essen dürfen, nur eben nicht von einem einzigen Baum, dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

 

Die Frau korrigierte die Schlange und wies darauf hin, dass sie grundsätzlich von den Früchten der Bäume im Garten essen dürfen und dass ‚nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht,‘ Gott gesagt habe: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.

 

Auch diese Antwort ist wiederum nicht ganz korrekt. Gott hatte lediglich verboten, die Frucht dieses Baumes nicht zu essen, es war nicht die Rede davon, dass sie diese Früchte auch nicht berühren dürfen. 

 

Sofort kontert die Schlange, dass sie bei Essen dieser Frucht keinesfalls sterben müssten, dass ganz im Gegenteil die Menschen in diesem Falle Gut und Böse erkennen würden und dass sie auf diese Weise Gott gleich würden.

 

Während also die Schlange zunächst mit einer Teilwahrheit beginnt, tatsächlich hat ja Gott ein Verbot des Essens einer Frucht ausgesprochen, fährt sie mit einer Lüge fort. Sie suggeriert Eva, dass Gott gelogen habe, da das Essen dieser Frucht ja gar nicht zum Tode führe und sie verschärft die Bedeutung dieser Aussage noch dadurch, dass sie hinzufügt, dass Gott dieses Verbot ausgesprochen habe, da dann, wenn die Menschen diese Frucht essen würden, sie Gott gleich werden würden.

 

Diese Antwort ist natürlich in besonderem Maße geeignet, Eva dazu zu verleiten, das Verbot zu missachten und auch von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen. Glaubt man der Schlange, dann führt ja das Essen dieser Frucht dazu, dass Adam und Eva Gott gleich werden, dass sie dann genauso wie Gott Gut und Böse erkennen könnten. Gleichzeitig nimmt die Schlange mit dieser Antwort sozusagen Gott seinen Glorienschein: Er ist danach nicht mehr der gute Gott, der nicht nur den Menschen erschaffen hat und für ihn reichlich sorgt, in dem er ihm ein Paradies eingerichtet hat, nein in Wirklichkeit, so will die Schlange Eva überreden, hat Gott den Menschen allein zu seinem, Gottes Wohl, geschaffen und will verhindern, dass der Mensch so werde wie Gott selbst und deshalb auch nicht mehr ein gehorsames Geschöpf bleibe.

 

Und nun kommt es wie es kommen musste: Bei einer solchen Aussicht konnte Eva der Verlockung nicht widerstehen, aß von der Frucht und verführte auch Adam dazu, dieses Verbot zu missachten. Wer will schließlich nicht Klugheit erwerben und damit offensichtlich so wie Gott selbst werden? Wenn Gott gar nicht der gütige Schöpfer ist, der sich um seine Geschöpfe fürsorglich kümmert und vor allem wenn Gott dieses Verbot nur deshalb ausgesprochen hat, um auf diese Weise die Menschen auf Abstand zu halten, dann fühlt sich Eva auch berechtigt, das Verbot zu missachten.

 

Was war nun die Folge des Übertretens dieses Verbotes? Die Heilige Schrift fährt fort: ‚Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.‘

 

Diese Folge ist nun ganz anders als von der Schlange vorhergesagt: Auch hier hatte die Schlange nur eine Teilwahrheit ausgesprochen. Adam und Evas Erkenntnisstand wurde – zwar wenn auch nur geringfügig – erweitert. Sie erkannten nun, dass sie nackt waren, schämten sich deshalb und verdeckten ihre Blöße. Es konnte aber keine Rede davon sein, dass sie nun – wie Gott selbst – über vollkommene Erkenntnis von Gut und Böse verfügten und wie wir dann in der weiteren Folge dieser Erzählung noch erfahren, wurden sie tatsächlich – wie Gott ihnen prophezeit hatte – aus dem Paradies vertrieben und da sie deshalb nicht mehr vom Baum des Lebens essen konnten, mussten sie sterben. Es trat also dann genau das ein, das Gott vorausgesagt hatte, während die von der Schlange verheißene Gottgleichheit eben gerade nicht eintrat.

 

Und waren Adam und Eva bereit, ihre Verfehlung einzugestehen? In keinster Weise. Als Gott Adam fragt, warum er sich denn verstecke und ob er von der verbotenen Frucht gegessen habe, bekennt er nicht unumwunden seine Schuld und bereut seinen Fehler. Er schiebt vielmehr die Schuld auf seine Frau, sie habe ihn verführt. Und nicht genug damit. Er macht Gott darauf aufmerksam, dass er ihm seine Frau zugedacht habe, als ob Gott nun auch deshalb dafür verantwortlich sei, dass er verführt wurde.

 

Auch Eva, seine Frau, reagiert nicht viel anders auf die Frage Gottes. Sie schiebt die Schuld weiter auf die Schlange, die sie verführt habe, sie weist zwar nicht ausdrücklich daraufhin, dass deshalb wiederum letzten Endes Gott an der Verführung schuld sei, da er ja schließlich die Schlange erschaffen habe, aber dieser Vorwurf steht trotzdem unausgesprochen im Raum.

 

Was erfahren wir schließlich über die Art der Bestrafung der ersten Menschen von Gott, da sich die ersten Menschen offensichtlich nicht an die Gebote Gottes gehalten haben? Zur Frau, welche als erste die sündige Tat beging, sprach Gott: Sie werde die Kinder unter Schmerzen gebären und sie begehre ihren Mann. Nun mag dies nur dann eine Strafe und nicht etwa etwas Positives sein, wenn nicht der Mann gleichzeitig diese Neigung der Frau zum Anlass nimmt, sie zu beherrschen.

 

Zu Adam sprach Gott hingegen: Ihm werde viel Mühsal im Zusammenhang mit dem Erwerb der Nahrung entstehen und er werde eines Tages sterben. Und der Grund für diese Bestrafung liegt offensichtlich darin, dass Adam sich von seinem Weibe verführen ließ, obwohl die Weisung, die Früchte des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse nicht zu essen, ja zunächst an Adam gegangen war. Allerdings trifft diese Bestrafung ja auch Eva. Nicht nur Adam, sondern auch Eva werden aus dem Paradies vertrieben und können deshalb beide nicht von den Früchten des Baums des Lebens essen und damit ewig leben.

 

 

3. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, was uns diese Geschichte vom Sündenfall der ersten Menschen sagen will, worin also die wesentlichen Aussagen dieser Erzählung liegen. Beginnen wir mit der Frage, wofür denn der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse steht, denn es ist klar, dass auch dieser Baum nur ein Symbol darstellt, das in Wirklichkeit auf einen ganz anderen, tieferen Zusammenhang hinweisen will.

 

Wir sind diesem Symbol bereits im zweiten Schöpfungsbericht begegnet und in der Tat setzt die Erzählung vom Sündenfall der ersten Menschen den Schöpfungsbericht weiter, offensichtlich soll das Einpflanzen gerade dieses Baumes in Mitten des Paradieses den Bericht über den ersten Sündenfall vorbereiten.

 

Wir hatten bereits bei der Analyse des zweiten Schöpfungsberichtes darauf hingewiesen, dass das Verbot, von den Früchten dieses Baumes zu essen, verstanden werden muss, dass sich Adam und Eva keiner geschlechtlichen Vereinigung hingeben sollen.

 

Die Gleichsetzung von ‚Erkennen‘ und ‚geschlechtlichen Verkehr pflegen‘ findet sich auch an anderen Stellen der Bibel. So wird unmittelbar im Anschluss an die Erzählung des Sündenfalls in Kapitel 4 Vers 1 der Genesis davon berichtet, dass Adam Eva, seine Frau erkannte und hierauf schwanger wurde und Kain gebar.

 

Wir hatten schon im vorhergehenden Kapitel darauf hingewiesen, dass dieses Verbot eines geschlechtlichen Verkehrs in krassem Widerspruch steht zu der Feststellung im ersten Schöpfungsbericht, der damit endet, dass Gott den Menschen die Weisung gab: Wachset und vermehret euch und macht euch die Erde untertan. Vermehren können sich die Menschen nun einmal nur dadurch, dass der männliche Samen in das weibliche Ei eintritt und dies erfolgt eben nun einmal über den geschlechtlichen Verkehr von Mann und Frau.

 

Dieser Deutung der Weisung Gottes, nicht von den Früchten dieses Baumes zu essen, scheint zunächst zu widersprechen, dass dieser Baum als Baum der Erkenntnis von Gut und Böse bezeichnet wird. Das Erkennen von Gut und Böse geht ja offensichtlich weit über das geschlechtliche Erkennen von Mann und Frau hinaus. Wollte also Gott offenbar mit dieser Weisung verhindern, dass die Menschen Erkenntnis darüber erlangen, was Gut und Böse ist und wie also die einzelnen menschlichen Handlungen im moralischen Sinne zu beurteilen sind?

 

Einer solchen Deutung widerspricht jedoch gerade die Weisung, die Früchte dieses Baumes nicht zu essen. Das Befolgen eines jeden Gebotes setzt ja voraus, dass derjenige, dem dieses Gebot gilt, überhaupt in der Lage ist, zu erkennen, wann bestimmte Handlungen diesem Gebot widersprechen. Schuldhaftigkeit setzt immer voraus, dass der Einzelne sich bewusst wird (oder zumindest bewusst werden kann), welches Verhalten sündhaft ist.

 

Wenn Gott bildlich gesprochen Adam verboten hatte, von den Früchten dieses Baumes und wohlbemerkt nur dieses Baumes zu essen, hat er Adam bereits deutlich gemacht, was Gut ist, nämlich sich dieser Früchte zu enthalten und was Böse ist, nämlich diese Früchte zu essen. Und da diese Weisung das einzige Gebot war, das Adam erhalten hatte, wusste er also auch bereits vor dem Essen dieser Frucht, was im Paradies als gut und was dort als böse gegolten hatte. Deshalb gibt es wenig Sinn, wenn man dieses Gebot so deutet, dass die Menschen durch das Essen dieser Frucht überhaupt erst das Gute und das Böse erkennen konnten.

 

Warum aber spricht der Bericht vom ersten Sündenfall trotzdem vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse? Wenn wir die Erzählung weiterverfolgen, erfahren wir, dass es die Schlange (als Sinnbild des Bösen bzw. des Teufels) war, die Eva weismachen wollte, dass sie durch das Essen dieser Früchte Erkenntnis von Gut und Böse erhalten würde. Den ersten Menschen wurde also suggeriert, dass sie auf diese Weise Erkenntnis von Gut und Böse gewinnen würden, damit ist jedoch nicht gesagt, dass das Essen dieser Frucht tatsächlich zu einer vollkommenen Erkenntnis führt. In Wirklichkeit berichtet uns diese Erzählung ja auch, dass der Erkenntnisstand von Adam und Eva nur dadurch erweitert wurde, dass sie ihre Nacktheit erkannten, dass ihnen nun zum ersten Mal die Unterschiede zwischen Mann und Frau bewusst wurden und dass sie sich ihrer Nacktheit schämten.

 

Ihre Erkenntnis wurde jedoch keineswegs dadurch erweitert, dass ihnen nun überhaupt erst klar wurde, dass das Essen dieser Früchte etwas Böses bedeute, dies war ihnen ja schon vorher bekannt, es war Gott, der Adam gesagt hatte, dass das Essen dieser Früchte eine sündhafte Handlung sei.

 

Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang der Hinweis der Schlange, dass die Menschen durch das Essen dieser Frucht Gott gleich würden und dass Gott offensichtlich dieses Verbot ausgesprochen hatte, um zu verhindern, dass die Menschen Gott gleich würden. Wenn die ersten Menschen aufgrund dieser Behauptung von der Frucht aßen, so doch sicherlich nicht nur deshalb, weil diese Früchte köstlich wären, sondern auch deshalb, weil sie auf diese Weise Gott gleich werden wollten.

 

Und hier wird das Sündhafte des Essens dieser Frucht in erster Linie dadurch bestimmt, dass die Menschen Gott gleich werden wollten, dass sie also nicht mehr als Geschöpfe, die Gott untergeordnet sind, sondern als Seinesgleichen angesehen sein wollten und das Sündhafte an dieser Handlung liegt dann eigentlich in dem Hochmut und in dem Aufbegehren gegen Gott und nicht in erster Linie im geschlechtlichen Verkehr. Dieser Gedanke des Hochmuts, der Hybris findet sich auch in Genesis 3,22, wo Gott spricht: ‚Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!

 

Wenn wir auch davon ausgehen, dass sich das den ersten Menschen gegebene Verbot auf die geschlechtliche Vereinigung bezieht, wäre es vollkommen falsch, im Geschlechtsverkehr die Sünde aller Sünden zu sehen. Jesus hat auf die Frage, welches denn das wichtigste Gebot sei, bekanntlich geantwortet, man solle Gott von ganzem Herzen lieben und gegenüber den Menschen Nächstenliebe ausüben. Diese Nächstenliebe besteht danach darin, den Mitmenschen keinen Schaden zufügen, ihm zu helfen, wenn er in Not gerät und der Hilfe bedarf und demjenigen, der sich gegen ihn versündigt hat, zu verzeihen, wenn dieser seine Tat bereut.

 

Es ist hier keine Rede davon, dass geschlechtlicher Verkehr als solcher etwas sündhaftes ist. Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass man durchaus seinem Mitmenschen im Rahmen eines geschlechtlichen Verkehrs Schaden zufügen kann. Wer von seinem Geschlechtspartner vergewaltigt wird, erleidet sogar großen Schaden und ist zumeist für sein ganzes Leben gezeichnet. Aber die Sünde besteht hier eben allein darin, dass der Vergewaltiger dem andern großen Schaden zufügt, also gegen das Gebot der Nächstenliebe verstößt. Nicht der geschlechtliche Verkehr ist hier die eigentliche Sünde. Gott selbst hat den Menschen so geschaffen, dass er einen Geschlechtstrieb hat und dass sich Mann und Frau begehren, was aber Gott geschaffen hat kann zwar missbraucht werden und ist dann Sünde, ist aber nie als solches etwas Verwerfliches.

 

Aber warum wird dann im Bericht über den ersten Sündenfall als einziges Gebot den Menschen verboten, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen? Gibt es nicht viel wichtigere Verbote, z. B. nicht zu rauben oder zu töten? Der eigentliche Grund dafür, dass für das Leben im Paradies Gott den ersten Menschen nur ein einziges Verbot gegeben hat, muss darin gesehen werden, dass unter den Bedingungen eines Lebens in einem Paradies eigentlich nur eine Handlung möglich ist, welche das Leben im Paradies ernsthaft in Frage stellt.

 

Der wohl wichtigste Grund dafür, dass Menschen morden, rauben, den Mitmenschen betrügen, liegt nämlich in der Knappheit der materiellen Ressourcen begründet. Stünden die materiellen Güter für Jeden in Hülle und Fülle zur Verfügung, kämen die meisten Menschen auch nicht in Versuchung, die Güter Anderen wegzunehmen und wenn sie nicht freiwillig bereit sind, diese Güter herzugeben, notfalls auch zu töten. Im Paradies stehen die für das Leben notwendigen Früchte in reichlichem Maße zur Verfügung, ohne dass der Eine dem Anderen etwas wegnimmt.

 

Eine Regel muss jedoch beachtet werden, ohne die ein Leben im Paradies auf Dauer nicht möglich ist. Der Vorrat an materiellen Ressourcen ist auch im Paradies begrenzt. Würden sich die Menschen stark vermehren und trotzdem nicht sterben, müssten notwendiger Weise eines Tages die materiellen Ressourcen nicht mehr ausreichen, alle zu ernähren und entsprechend dem von Malthus formulierten Gesetz könnte nur durch Hungersnöte und Kriege und damit durch den Tot vieler Menschen ein Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen und der Nahrungsmittel hergestellt werden.

 

In diesem Sinne ist Gottes Wort, dass der Mensch sterben würde, wenn er von der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse essen würde, zunächst nichts anderes als die Feststellung eines Sachzusammenhanges. Die Menschen können nicht beides haben: sich stark vermehren und gleichzeitig ewig weiterleben. Sie müssen sich für das eine oder das andere entscheiden. Entscheiden sie sich für die Fortpflanzung, müssen sie notwendiger Weise darauf verzichten, hier auf Erden, im Paradies, ewig weiterzuleben.

 

Natürlich kann man davon ausgehen, dass Gott dadurch, dass er den Menschen in das Paradies setzte, die Absicht verband, dem Menschen ein ewiges Leben zu garantieren und gerade deshalb forderte er auch die Menschen auf, auf die Früchte des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse zu verzichten. Aber Gott hat den Menschen auch als freie Menschen geschaffen, welche die Möglichkeit haben, sich gegen den Willen Gottes zu stellen. Der menschliche Entwicklungsprozess ist somit nicht deterministisch vorbestimmt und Gott lässt offensichtlich (aufgrund der Gewährung der menschlichen Freiheit) durchaus zu, dass die menschliche Entwicklung anders verläuft als von ihm vorgesehen.

 

Der Satz: ‚Ihr müsst sterben, wenn ihr nicht auf die Früchte dieses Baumes verzichtet‘, ist dann auch nicht primär zu verstehen als eine Strafe im Sinne einer Sühne, welche durch das Übertreten eines Verbotes notwendig wird, um wiederum ein Gleichgewicht herbeizuführen, sondern ist vor allem als eine Feststellung zu werten, dass bestimmte Handlungen (das Essen der Früchte des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse) ganz bestimmte Wirkungen nach sich ziehen, welche das Wohl der Menschen nachhaltig beeinträchtigen.

 

 

4. Erbsünde

 

Im Zusammenhang mit dem ersten Sündenfall von Adam und Eva wird oftmals von der Erbsünde gesprochen. Obwohl das Alte Testament an keiner Stelle in diesem Zusammenhang ex pressis verbis von Erbsünde spricht, findet der diesem Begriff zugrundeliegende Gedanke dennoch vor allem im Neuen Testament eine gewisse Nahrung. So lesen wir im Römerbrief in Kapitel 5 Vers 12: ‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten‘.

 

Eigentlich ist die Rede von Erbsünde ein Widerspruch in sich selbst. Eine Sünde begehen und damit eine persönliche Schuld auf sich laden, kann nur derjenige, welcher eine sündhafte Tat begangen hat. Die Fähigkeit zu sündigen, setzt notwendiger Weise voraus, dass man sich so verhalten kann, wie man sich verhalten soll, bzw. dass man das auch Lassen kann, was man nicht tun soll. Gerade der Umstand, dass etwas vererbt wurde, weist daraufhin, dass dieses Etwas eben gerade nicht aufgrund eines fehlerhaften Verhaltens entstanden ist. Der einzelne Mensch ist danach gar nicht in der Lage, die Erbsünde abzustreichen, er ist in sie hineingeboren (wenn es eine Erbsünde gibt) und er kann sich noch so sehr bemühen, den Geboten Gottes zu entsprechen, er hat trotzdem keinen Einfluss darauf, ob er nun mit der Erbsünde zu leben hat oder auch nicht.

 

In Wirklichkeit ist mit dem Ausdruck ‚Erbsünde‘ auch gar kein sündhaftes Verhalten gemeint, es soll vielmehr mit diesem Ausdruck darauf hingewiesen werden, dass die Menschen erbbedingt der Versuchung ausgesetzt sind, immer wiederum die Gebote Gottes zu missachten. Diese erbbedingte Veranlagung ist jedoch alles andere als eine Sünde. Gerade weil diese Veranlagung vererbt wird, also ohne Willen des Einzelnen gegeben ist, sind Übertretungen der Gebote Gottes milder zu beurteilen, als wenn die Menschen nicht immer wieder dieser Versuchung ausgesetzt wären.

 

Wäre nämlich der Mensch keiner Versuchung ausgesetzt, gäbe es kein triebhaftes Drängen, Gottes Gebote zu missachten, wäre ein Übertreten eines Gebotes sehr gewichtig, da ja dann annahmegemäß der sündige Mensch ohne Not und innere Bedrängnis die sündige Tat begangen hätte. Er allein wäre für seine Tat verantwortlich, er hätte ja auch die Tat verhindern können.

 

Wird er hingegen durch seine vererbten Anlagen zur sündigen Tat verleitet und kann er nur durch standhaftes Verhalten und nur unter größten Anstrengungen der Tat widerstehen, so muss man zugeben, dass die persönliche Schuld des Einzelnen zwar keinesfalls etwa nicht vorhanden sei, in ihrem Gewicht jedoch gemindert erscheint, da ja Kräfte, für die er selbst nicht verantwortlich ist, ihn zu dieser Tat getrieben haben. Ihn trifft dann immer nur eine Teilschuld.

 

Nun muss man sich natürlich die Frage stellen, wieso denn eine persönliche Handlung einzelner Menschen in uralten Zeiten auf die heutigen Menschen überhaupt vererbt werden kann? Vererbung bedeutet, dass die menschlichen Anlagen durch Gene von den Eltern auf die Kinder übertragen werden. Wenn Eva in grauer Urzeit sich verführen ließ, wieso führt dieses Verhalten zu einer Veränderung in den Genen, die dann auf die jeweiligen Kinder vererbt werden können? Wenn aber Adam und Eva aufgrund ihrer Veranlagung ohnehin schon eine Neigung besaßen, um Versuchungen von außen nicht widerstehen zu können, warum wird dann die Vererbung dieser Anlagen als Folge der ersten Sündentat angesehen, wäre sie nicht auch ohne diese Handlung von Adam und Eva an die Nachkommen weitervererbt worden?

 

Nun könnte eine Vererbung sündhaften Verhaltens auch einfach aufgrund eines Selektionsprozesses zustande kommen. Die Familien, welche sich an das Verbot halten und sich nicht vermehren, werden, nachdem die Menschen aus dem Paradies vertrieben waren, notwendiger Weise aussterben. Diejenigen jedoch, welche von ihrer Veranlagung her zur Vermehrung bereit sind und deshalb auch unter Umständen das Verbot des Essens dieser Früchte missachten, werden sich gerade aufgrund ihres geschlechtlichen Verkehrs vermehren.

 

Dieser Prozess führt notwendiger Weise dazu, dass der Anteil derjenigen, welche sich nicht an das Verbot halten, zunimmt, während die enthaltsamen Menschen notwendiger Weise eines Tages aussterben. Auf diesem Wege ist es durchaus möglich, dass Verhaltensweisen auch dann an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden, wenn das veränderte Verhalten (der erste Sündenfall) in keinster Weise in der Lage ist, die Genen unmittelbar zu verändern und auf diesem Wege diese Veranlagung an die Nachkommen weiter zu vererben.

 

Vielleicht lässt sich dieser Widerspruch (zwischen Schuldfähigkeit und triebhafter Veranlagung) auch dadurch auflösen, dass man von einer Vererbung nicht nur dann spricht, wenn ein bestimmtes Verhalten durch Gene weitergegeben wird. Veränderungen in den Verhaltensweisen können nämlich auch dadurch in den nachfolgenden Generationen bestehen bleiben, dass durch diese Veränderungen die das Verhalten bestimmende Ordnung revolutioniert wird.

 

Nehmen wir das Beispiel des Tabus. Auch das Tabu stellt ein bestimmtes Verbot dar, das aber im Gegensatz zu normalen Verboten offensichtlich die Eigenschaft besitzt, in keinem Fall übertreten zu werden. Es wird beim Tabu den Menschen suggeriert, dass ein Tabubruch zu ganz enormen Strafen führt, die in ihrem Ausmaß nicht vorstellbar sind, dass ein Mensch, der ein Tabu bricht, unmittelbar nach dieser Tat etwa vom Blitz erschlagen werde und dass diese Strafe auch nicht von Menschen verhängt werde, denen man vielleicht auch entkommen kann. Einer von Gott oder den Göttern selbst verhängten Strafe kann man hingegen nicht entkommen.

 

Wenn es einmal gelungen ist, in der Bevölkerung ein Bewusstsein zu erzeugen, dass Tabubrüche diese verheerenden nicht auszudenkenden Strafen nach sich ziehen werden und dass es kein Ausweichen vor diesen Strafen geben wird, trägt dieser Umstand dazu bei, dass sich das Tabu verfestigt und dass deshalb das Tabu einen Prozess auslöst, der das Einhalten des Tabus immer wieder sichert. Denn gerade der Umstand, dass in der Vergangenheit das Tabu noch niemals gebrochen wurde, trägt dazu bei, dass auch niemand in der Lage ist, zu widerlegen, dass ein Tabubruch tatsächlich diese verheerenden Wirkungen nach sich zieht. Das Tabu bestätigt sich immer wieder von neuem von selbst.

 

Wenn aber dann trotzdem ein einzelnes Individuum das Tabu tatsächlich gebrochen hat und dann diese vorhergesagten Wirkungen gar nicht eingetreten sind, bricht das Tabu in sich zusammen. Man weiß ja nun, dass diese Wirkungen nicht eingetreten sind und man begeht dann den Tabubruch, weil man hofft,  dem vorhergesagten Bann genauso entgehen zu können, wie es derjenige konnte, der den ersten Tabubruch begangen hatte.

 

Der erste Tabubruch wird Nachahmer finden, die Zahl der Nachahmer wird sich vermehren und das Tabu hat dann eines Tages wohl für immer seine Wirkung verloren. Denn das Wissen, dass diese Taten nicht immer bestraft werden, kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Auch dann, wenn der Gesetzgeber diese vorher tabuisierten Taten mit strengen Strafen ahnden würde, wird dies nicht mehr dazu führen, dass dieses Verbot in jedem Einzelfall eingehalten wird. Stets wird es einige Personen geben, die darauf vertrauen, dass ihre Straftat verborgen bleibt oder dass sie vor dem Gesetzgeber fliehen können.

 

Vielleicht könnte der in der Bibel erzählte Sündenfall Adam und Evas als ein solcher Tabubruch verstanden werden. Wir wollen einmal davon ausgehen, dass Adam und Eva zunächst bereit waren, sich an das Verbot zu halten. Gott selbst hat dieses Verbot ausgesprochen und es gab für Adam und Eva keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die vorhergesagte Folge (das Sterbenmüssen) auch tatsächlich bei einem Übertreten des Verbotes eintritt.

 

Da es nun die Schlange erreicht hat, Eva davon zu überzeugen, dass das Essen dieser verbotenen Frucht gar nicht die vorausgesagten negativen Folgen hat, dass ganz im Gegenteil hierzu sogar das Essen dieser Frucht bewirkt, dass die Menschen Gott gleich werden, brach Eva und nach ihr Adam dieses Tabu. Und da ein Tabubruch stets eine Entschleierung der Handlungswirkungen nach sich zieht, werden auch in der Folge einige Nachkommen dieses Übertreten wagen, auch ohne dass die vererbten Gene in irgendeiner Weise aufgrund dieses Tabubruches verändert wurden.

 

 

5. Beschränkung des Paradieses auf zwei Menschen?

 

Zum Abschluss möchten wir uns noch ganz kurz mit der Frage befassen, wie viel Menschen denn das Paradies bewohnt haben. Die Bibel spricht eindeutig nur von zwei ersten Menschen, Adam und Eva. Beide gebaren zwar Kinder, zunächst Kain und Abel und später auch weitere Kinder, als aber diese beiden Söhne geboren wurden, waren Adam und Eva bereits aus dem Paradies vertrieben.

 

Die Lage und Größe des Paradieses wird hierbei im 2. Kapitel der Genesis Vers 10 bis 14 ausführlich beschrieben. Dort heißt es:

 

10 ‚Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen.

11  Der eine heißt Pischon; er ist es, der das ganze Land Hawila umfließt, wo es Gold gibt.

12  Das Gold jenes Landes ist gut; dort gibt es auch Bdelliumharz und Karneolsteine.

13  Der zweite Strom heißt Gihon; er ist es, der das ganze Land Kusch umfließt.

14  Der dritte Strom heißt Tigris; er ist es, der östlich an Assur vorbeifließt. Der vierte Strom ist der Eufrat‘.

 

Es ist nicht bekannt, wo die Flüsse Pischon und Gihon sowie das Land Hawila geographisch lagen. Kusch entspricht in etwa dem heutigen Sudan mit Teilen Äthiopiens; Assur war die Hauptstadt des Assyrerreichs. Aufgrund dieser Beschreibungen müssen wir davon ausgehen, dass dieses Gebiet einen Durchmesser von mehr al 100 km umfasste. Und hier entsteht dann die Frage, ob eine solche Fläche nicht viel zu groß ist, um zwei Menschen zu beherbergen. Da Adam und Eva offensichtlich verboten war, geschlechtlichen Verkehr zu haben, müssten dann eigentlich für alle Zeiten nur diese beiden Menschen das Paradies besiedeln. Da das Paradies als ein besonders fruchtbares Land beschrieben wird, können wir auch nicht davon ausgehen, dass eine so große Fläche notwendig ist, da sich mit der Zeit die fruchtbaren Bereiche erschöpfen und sich diese beiden Menschen deshalb immer wieder auf andere Teile dieses Gartens zurückziehen müssen.

 

Nun wissen wir, dass Zahlenangaben in der Bibel keinesfalls immer wortwörtlich zu verstehen sind. Oftmals sind Zahlen lediglich Symbole, welche auf einen allgemeineren Inhalt hinweisen. Als Jesus z. B. von Petrus gefragt wurde, wie oft er denn dem Bruder vergeben müsse, wenn dieser sich gegen ihn versündigt habe, etwa siebenmal, antwortete Jesus: ‚Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.‘ (Mathäus 18,21-22) Es besteht Einigkeit darüber, dass Jesus damit nicht andeuten wollte, dass man beim achtundsiebzigsten Mal nicht mehr vergeben solle, sondern dass diese Aussage plastisch zum Ausdruck bringt, dass wir Menschen unseren Mitmenschen immer verzeihen sollen, zumindest dann, wenn diese ihre Tat bereuen.

 

Können wir vielleicht davon ausgehen, dass auch der Hinweis darauf, dass Gott zwei Menschen (Adam und Eva) ins Paradies gesetzt habe, ebenfalls in diesem Sinne nicht unbedingt wortwörtlich zu verstehen ist, dass damit nur zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass nur eine beschränkte Zahl von ersten Menschen das Paradies besiedelt hatte? In diesem Falle wäre die Größe des Paradieses durchaus verständlich.

 

Nun haben wir eingangs dieser Vorlesung bereits daraufhin gewiesen, dass die Glaubenswahrheiten der Bibel sich eigentlich nur auf die metaphysischen und sittlichen Fragen beziehen, welche nicht mit Hilfe der dem Menschen von Gott gegebenen Wahrnehmungsorgane (Sinne und Verstand) beantwortet werden können. Glaubenswahrheiten können danach niemals in einem echten Widerspruch zu den Ergebnissen der empirischen Wissenschaften geraten.

 

Nun haben die modernen Wissenschaften eindeutig nachgewiesen, dass sich das Leben hier auf Erden in einem Prozess entwickelt hat, das von sehr einfachen Strukturen (Einzellern) ausging, sich aber mit der Zeit in immer komplexere Strukturen entwickelt hat und dass am Ende dieses Prozesses schließlich auch der Mensch durch eine Weiterentwicklung aus den am weitesten entwickelten Tieren entstanden ist. Dass der Mensch also Vorfahren im Tierreich hat, lässt sich wissenschaftlich nach heutigem Wissensstand kaum widerlegen.

 

Diese Feststellung kann jedoch keinesfalls als Widerlegung des Schöpfungsberichtes in der Heiligen Schrift bewertet werden, es handelt sich hierbei um eine Frage, welche sehr wohl mit Hilfe der menschlichen Wahrnehmungsorgane grundsätzlich geklärt werden kann. Die Auskunft des Schöpfungsberichtes in der Bibel bezieht sich gerade nicht auf diese empirischen zu klärenden Zusammenhänge, sondern allein auf die Aussage, dass es der eine Gott war, der zu Anbeginn der Zeiten das Weltall und mit ihm die Naturgesetze erschuf, welche dann dazu geführt haben, dass sich auf Erden Leben entwickelte und auch der Mensch aufgrund des Wirkens dieser von Gott geschaffenen Naturgesetze schließlich entstanden ist.

 

Wenn wir aber schon zugeben müssen, dass der Mensch keinesfalls unabhängig von tierischen Lebewesen, sondern aufgrund einer Weiterentwicklung aus den Tieren entstanden ist, müssen wir auch mit der Möglichkeit rechnen, dass dieser Sprung vom Tier zum Menschen nicht nur einmal, sondern möglicher Weise auch wiederholt entstanden ist. Diese Erkenntnis macht es dann auch möglich, dass sich im Paradies vielleicht nicht nur zwei, sondern mehrere Menschen aufgehalten haben.

 

Bei einer solchen Deutung lässt sich auch die Frage klären, wie denn dann, wenn zu Anbeginn nur zwei Menschen vorhanden waren und deshalb auch alle Nachkommen dieser beiden Menschen blutsverwandt waren, überhaupt weitere Kinder erzeugt werden konnten, ohne dass sich die Geschwister mit anderen Geschwistern oder mit ihren Eltern vermählt haben, eine geschlechtliche Beziehung, welche schon seit frühesten Zeiten verpönt war und als Blutschande bezeichnet wurde.